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Kinder vor Missbrauchssituationen bei medizinischen Untersuchungen schützen

Wien, 24.7.2019 – Die Vorwürfe gegen einen Urologen aus Oberösterreich wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger nimmt die möwe zum Anlass, auf einige Punkte hinzuweisen, die Kinder vor derartigen Übergriffen und sexualisierter Gewalt in diesem Setting schützen können.


Ärzte sind, so wie etwa auch PädagogInnen, SporttrainerInnen oder Priester Autoritätspersonen, die für Kinder einen besonderen Stellenwert haben und von denen sie auch in gewisser Weise abhängig sind. Übergriffe oder sexuelle Gewalthandlungen durch Autoritätspersonen stellen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen einen Vertrauensbruch dar, indem sie im Rahmen einer Behandlung, Ausbildung oder einem Training das Überschreiten ihrer persönlichen Intimgrenzen erleben müssen. „Darüber hinaus fällt es gegenüber Menschen, die in unserer Gesellschaft ein hohes Ansehen genießen, besonders schwer sich zu wehren oder jemand anderem über eine Grenzverletzung zu erzählen“, verdeutlicht Mag.a Hedwig Wölfl, Klinische und Gesundheitspsychologin und Geschäftsführerin der möwe Kinderschutzzentren.

Verwirrung der Wahrnehmung erschwert über Missbrauch zu sprechen

Viele Missbrauchsopfer machen auch heute noch die leidvolle Erfahrung, dass sie fünf bis sieben Anläufe brauchen, bis ihnen jemand glaubt und hilft. Es ist für Opfer sehr belastend und schwierig, über ihre Erlebnisse zu sprechen, besonders vor Gericht. „Das Schwierigste ist sicher, dass Gewalt oder Missbrauch fast immer in einem Vertrauens- oder Naheverhältnis stattfinden und hier oft ein Loyalitätskonflikt zum Tragen kommt – das heißt das der Täter für das Opfer meist nicht nur als übergriffig oder böse erlebt wird, sondern es oft auch hilfreiche und angenehme Erfahrungen mit dieser Person gibt. Das gilt auch für Ärzte, die vielleicht schon erfolgreich und hilfreich beraten und behandelt haben,“ so Wölfl. Dazu kommt, dass Opfer von sexuellen Übergriffen vom Täter häufig verwirrt werden. Gerade in medizinischen Untersuchungs- und Behandlungssituationen kann der Übergriff verschleiert werden. Die Grenze zwischen dem, was fachlich notwendig ist und dem übergriffigen Tun ist für überraschte oder verunsicherte Patienten lt. Wölfl sehr schwer zu erkennen, wobei der Psychologin wichtig ist, zu betonen, dass sie sich hier auf den konkreten Fall bezieht ohne die Ärzteschaft pauschal verurteilen zu wollen.

Vielmehr ginge es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Ärztinnen und Ärzten absichere und minderjährige Patientinnen und Patienten schütze.

Rahmenbedingungen zur Absicherung von Arzt und minderjährigem Patienten

Intime Untersuchungen: Transparenz, Aufklärung und Begleitpersonen

Eine medizinische Untersuchung muss die Aspekte Schutz und Sicherheit abdecken. Das bedeutet aber auch, dass der Arzt, vor allem wenn es um intime Untersuchungen geht, oft allein mit dem Patienten oder der Patientin ist. Hier wäre eine klare Regelung wichtig, die vorsieht, dass eine fachliche Pflegekraft oder AssistentIn die Untersuchung mitvorbereitet und anwesend ist oder zumindest jederzeit dazukommen kann. Wichtig ist laut Wölfl auch, dass vor der Untersuchung und währenddessen genau und verständlich erklärt wird, was aus medizinischer Sicht gerade passiert und der Patientin oder die Patienten darauf hingewiesen wird, dass er oder sie jederzeit sagen kann, wenn eine Untersuchung als unangenehm, schmerzhaft oder nicht nachvollziehbar empfunden wird.

Rechte von Kindern und Jugendlichen im medizinischen Kontext stärken

Kinder und Jugendliche sollen wissen, welche Rechte sie, auch als Patient, haben, besonders wenn sie krank sind, wie sie behandelt werden sollen, und dass sie auch sagen dürfen, wenn ihnen etwas ‚komisch‘ vorkommt. „Wesentlich ist, wie es sich für das Kind anfühlt – ob es sich auskennt, was mit ihm gemacht wird und wozu. Auch ein komisches oder unangenehmes Bauchgefühl in der Untersuchungssituation – dieses „Ich-kenne-mich-nicht-aus-was-da-mit-mir-passiert“ – ist schon ein Warnzeichen. Die Übergänge zwischen unnotwendigerweise schmerzhaften, eindringenden oder peinlichen Untersuchungsmethoden bis hin zu sexuellen Übergriffen durch eindeutig sexualisierte Handlungen sind schleichend,“ sagt Wölfl.

Die Rolle der Eltern bei sensiblen Arztbesuchen

Auch Eltern haben eine wichtige Rolle, indem sie den Arztbesuch gemeinsam mit ihrem Kind konkret vor- und nachbereiten, das gilt insbesondere für Untersuchungen, die den Intimbereich betreffen. Handelt es sich um einen Jugendlichen, können die Eltern ihre Begleitung anbieten und, je nach Wunsch, bei der Untersuchung dabei sein oder im Wartezimmer warten. Diese Rolle kann auch eine andere Vertrauensperson übernehmen. Auf jeden Fall sollten die Eltern, auch wenn sie selbst nicht dabei sind, Interesse am Arztbesuch zeigen und zeitnahe nachfragen, wie der Termin erlebt wurde.

Information über Pubertät, Identitätsentwicklung und besondere Schutzbedürfnisse

Festgeschriebene und sichtbare Informationen, wie etwa Kinderschutzleitlinien in Bezug auf das Untersuchungssetting, und der Hinweis für Patienten, wohin sie sich im Falle von irritierenden Untersuchungssituationen wenden können, wären eine wichtige Hilfestellung. Die Pubertät ist eine Lebensphase, die von Unsicherheiten und vor allem von Identitätssuche geprägt ist. Es geht dabei auch um die körperliche und sexuelle Identität, die erst gefunden und stabilisiert werden muss. Wölfl dazu: „Wir wissen aus vielen Studien, dass beschämende oder starke Irritationen und vor allem sexueller Missbrauch und psychische Gewalt in diesem Alter kurzfristige Reaktionen wie psychosomatische Symptome oder psychische Belastungsstörungen und langfristige Folgen wie Identitätskrisen, selbstverletzendes Verhalten, Depression, Beziehungsstörungen bis hin zu erhöhtem Suizidrisiko bewirken können.“

Rechtzeitige Hilfe ermöglicht gesunde Entwicklung

Bei rechtzeitiger Hilfe ist auch trotz belastender Erfahrungen eine gesunde Entwicklung möglich. Minderjährige Betroffene von Gewalt und sexuellem Missbrauch können professionelle Begleitung und Betreuung bei der möwe oder in einem der anderen Kinderschutzzentren in ganz Österreich, Prozessbegleitung und andere Hilfestellungen in Anspruch nehmen. Eltern sollten als Vertrauensperson zur Verfügung stehen und Gesprächsbereitschaft signalisieren, auch wenn es sich um heikle Themen handelt oder sie merken, dass ihr Kind etwas besonders beschäftigt.

„Wichtig ist, dass wir als Erwachsene hinschauen, Verantwortung übernehmen und auch über unangenehme Themen wie sexuelle Übergriffe reden, damit immer weniger verschleiert werden kann, wenn es Kindern schlecht geht“, lautet Wölfls Appell.

Die Arbeit der möwe

Die möwe als Kinderschutzorganisation gibt es bereits seit 30 Jahren. Von den rund 30 Kinderschutzzentren in Österreich werden sechs (eines in Wien und fünf in Niederösterreich) von der möwe betrieben. Betroffene erhalten bei der möwe konkrete Unterstützung und professionelle Hilfe bei körperlichen, seelischen und sexuellen Gewalterfahrungen. Beraten wird telefonisch, online und persönlich und die Beratung kann – wenn gewünscht – auch anonym erfolgen. Unkompliziert kann sich jeder bei Verdacht Hilfe holen, Fragen werden professionell abgeklärt und weitere Handlungsschritte geplant.

Das zentrale Anliegen des Schutzes von Kindern vor Gewalt und ihren Folgen wird durch Frühe Hilfen und Präventionsangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie aktive Informations- und Öffentlichkeitsarbeit ergänzt.

Kontakt- und Informationsstellen nach Gewalt und Missbrauch an Kindern:

Zu den möwe Kinderschutzzentren

Kontakt

Maga Hedwig Wölfl

Tel: 01 532 14 14
Email: woelfl@die-moewe.at
1010 Wien, Börsegasse 9

 

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