Was uns im Kinderschutz an und über unsere Grenzen bringt und wie wir handlungsfähig bleiben
Im Kinderschutz begegnen Fachkräfte immer wieder Situationen, die an persönliche und professionelle Grenzen führen. Konfrontationen mit ideologischer Gewalt, extremen Formen von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche oder komplexen psychischen Belastungen wie Borderline-Störungen stellen hohe Anforderungen
an Einschätzung, Haltung und Handeln.
Diese Fachtagung widmet sich genau diesen herausfordernden Konstellationen. In Vorträgen und Workshops werden aktuelle Themen vertieft – von komplexen Misshandlungsformen über Jugend und Sucht bis hin zu den Chancen und Risiken von KI im Kinderschutz.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Fachkräfte auch unter hoher Belastung handlungsfähig bleiben können. Es geht darum, eigene Grenzen wahrzunehmen, professionell damit umzugehen und gemeinsam Wege zu entwickeln, die sowohl Schutz für betroffene Kinder und Jugendliche als auch Stabilität für die
Helfer*innen ermöglichen.
Die Tagung lädt dazu ein, Wissen zu vertiefen, Erfahrungen zu reflektieren und neue Perspektiven für einen resilienten Umgang mit den Anforderungen im Kinderschutz zu gewinnen.
Programm
9:00 Uhr Begrüßung
Maga Hedwig Wölfl, die möwe Geschäftsführung und fachliche Leitung
Maga Johanna Zimmerl, die möwe Bereichsleitung Kinderschutzzentren
9:15 Ideologische Gewalt als blinder Fleck im Kinderschutz? (Vortrag hybrid)
Kinder und Jugendliche, die in stark ideologisch geprägten Familien aufwachsen, beispielsweise in fundamentalistisch religiösen Milieus, hochkontrollierenden Gruppen oder im Umfeld von Extremismus und
Verschwörungsglauben, sind spezifischen Entwicklungsrisiken ausgesetzt. Der Vortrag beleuchtet mögliche Gefährdungen wie soziale Isolation, rigide Normen, Angst- und Schuldinduktion sowie eine eingeschränkte Autonomieentwicklung. Die häufig ausgeprägte Anpassungsleistung betroffener Kinder erschwert ihre Wahrnehmung: Da viele unauffällig, loyal und „funktionierend“ erscheinen, wird ihre Belastung im professionellen Kontext oft unterschätzt.
Thematisiert wird zudem das Spannungsverhältnis zwischen elterlichen Rechten und den Rechten des Kindes. In der gegenwärtigen Praxis erhalten elterliche Deutungs- und Erziehungsansprüche nicht selten Vorrang, was die Umsetzung kinderschutzbezogener Maßnahmen zusätzlich erschwert.
Maga Ulrike Schiesser
10:15 Borderline-Persönlichkeitsstörung im Jugendalter: Klinische Merkmale und Behandlung (Vortrag hybrid)
Der Vortrag gibt einen Überblick über die Symptomatik und den Verlauf der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) im Jugendalter und thematisiert dabei widerlegte Fehlannahmen. Zudem wird die Rolle riskanter und selbstschädigender Verhaltensweisen (nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten; Substanzmissbrauch; sexuelles Risikoverhalten u.a.) im Kontext der BPS, als transdiagnostischer Marker sowie als Prädiktor für suizidales Verhalten eingeordnet. Abschliessend werden aktuelle Befunde zur Behandlung der BPS sowie zum leitliniengerechten Umgang mit suizidalem Verhalten im Jugendalter dargestellt.
PD Dr.in phil. Corinna Reichl
11:00 Pause
11:30 FOKUS an der Grenze: Extremfälle im multidisziplinären klinisch-forensischen Team (Vortrag hybrid)
Die Forensische Kinder- und Jugenduntersuchungsstelle (FOKUS) vereint die Fachbereiche Pädiatrie, Klinische Psychologie, Klinische Sozialarbeit und Forensic Nursing. Das multidisziplinäre Team unterstützt seit
2015 Kinderschutzgruppen im Raum Wien bei der Abklärung komplexer Kinderschutzfälle im klinischen Setting als tertiäre Dachstruktur. Doch selbst ein eingespieltes, multidisziplinares Team gerät bei Extremfällen an seine Grenzen.
Anhand von Fallbeispielen beleuchtet der Vortrag, was Fälle von Extremgewalt kennzeichnet, welche „red flags“ auf schwere Gewalt hinweisen und welche Gemeinsamkeiten unterschiedliche Gewaltformen zeigen. Ebenfalls werden teaminterne Herausforderungen, die in der Abklärung unterschiedlicher Gewaltformen auftreten können, beleuchtet. Im Fokus stehen dabei Einschätzung von Verletzungsmustern, Fallanalysen und die Frage, wie multiprofessionelles Handeln auch dort gelingen kann, wo einzelne Berufsgruppen und Systeme an ihre Grenzen geraten und welche Rolle die Zusammenarbeit hierbei spielt.
DDr.in Chryssa Grylli, MSc, Mag.a Sophie Klomfar, Laura Schaller, BSc MSc Dr.in Eva Mora-Theuer
12:30 Mittagspause
Den Übergang von den intensiven, inhaltlich schweren Inputs in Pausen mit Leichtigkeit und Entspannung gestaltet die Theaterpädagogin Sabine Dorner.
Wo können wir auftanken? Woher nehmen wir die Kraft, weiterzumachen? Ein kurzer Dive raus aus dem Kopf, rein in den Körper und ins Spüren und in die Lebendigkeit kommen für alle, die dafür offen sind.
14:00 Workshops
16:30 Ende
Workshops
WS 1 – Umgang mit ideologischer Gewalt im familiären Kontext
Der Workshop vertieft die im Vortrag dargestellten Inhalte mit einem klaren Fokus auf die psychosoziale Praxis. Im Zentrum stehen konkrete Fragestellungen aus dem Arbeitsalltag: Woran lassen sich Gefährdungslagen bei Kindern und Jugendlichen in stark ideologisch geprägten Familien erkennen? Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem professionellen Umgang mit Eltern, die durch rigide religiöse, extremistische oder verschwörungsideologische Weltbilder geprägt sind. Was sind die Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation? Welche Haltungen und Interventionsstrategien sind hilfreich? Wie gehen wir mit eigenen Irritationen, Urteilen und Abwehrreaktionen im Umgang mit ideologisch aufgeladenen Themen um?
Mag.a Ulrike Schiesser
WS 2 – „Surviving the extreme“: Multidisziplinäres Erarbeiten komplexer Fälle
Aufbauend auf den Inhalten des Vormittagsvortrags werden in diesem Workshop ausgewählte komplexe und besonders herausfordernde Fallkonstellationen im Kontext von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche vertiefend bearbeitet. Nach einer kurzen Einführung arbeiten die Teilnehmenden in Kleingruppen fallbasiert: Jede Gruppe erhält ein Fallbeispiel mit unterschiedlichen Gewaltformen und -mustern, erarbeitet zentrale Aspekte der Einschätzung und Intervention. Gemeinsam und interdisziplinär werden Lösungsansätze, Kooperationsmöglichkeiten und Handlungsoptionen diskutiert. Der Workshop soll den multiprofessionellen Austausch fördern sowie die Handlungskompetenz im Umgang mit besonders komplexen und belastenden Kinderschutzfällen stärken.
Christina Desbalmes, BSc MSc, DDr.in Chryssa Grylli, MSc, Mag.a Sophie Klomfar, Mag.a Stefanie Purer, Laura Schaller, BSc MSc, Dr.in Eva Mora-Theuer, Dr.in Heidi-Elisabeth Zesch
WS 3 – Medical Child Abuse – neues und erweitertes Konzept vom Münchhausen by Proxy Syndrom und mögliche praktische Anwendungen im Berufsalltag
Medical Child Abuse oder medizinische Kindesmisshandlung ist die Weiterentwicklung des Konzeptes und der Definition des schon lange bekannte aber schwer diagnostizierbaren Münchhausen bei Proxy Syndroms. Das neue Konzept, dass den Fokus auf die emotional und/oder körperlich misshandelten Kinder setzt, weg von der möglichen und zum Teil schwer erkennbaren Psychopathologie der Bezugspersonen, hat das Ziel niederschwelliger diese besondere Form der Kindesmisshandlung zu erkennen.
In diesem Workshop wird das Konzept theoretisch und mit klinischen Beispielen ausführlich dargestellt und anhand des vor kurzem an der Charité Berlin entwickelten Leitfadens können mitgebrachte Fallbeispiele gemeinsam evaluiert werden.
Dott.ssa Caroline Di Maria
WS 4 – Behandlung und Betreuung von Jugendlichen mit polytoxikomanem Konsummuster im ambulanten Setting des PSD KJPA9
Der Workshop vermittelt praxisorientierte Ansätze zur Früherkennung und zum Umgang mit riskantem Substanzkonsum im Jugendalter. Neben fachlichem Input stehen das Erarbeiten von Handlungsmöglichkeiten für den beruflichen Alltag anhand von Fallbeispielen und die Reflexion der eigenen Haltung im Mittelpunkt.
Dr.in Magdalena Iwanowytsch
WS 5 – Grenzenlose Liebe? – Gewaltschutz in jugendlichen Paarbeziehungen
Die erste Liebesbeziehung ist häufig prägend für den weiteren Lebensweg. Sowohl Studien als auch unsere Erfahrungen zeigen, dass junge Menschen bereits in ihren ersten Intimbeziehungen Gewalt in verschiedenster Form (psychisch, physisch, sexuell) erleben. Das bedeutet, dass junge Menschen denken, dass Beziehung so gelebt wird und Gewalt dazu gehört. In diesem Workshop sollen Fachkräfte, die mit Jugendlichen arbeiten, sensibilisiert werden und ihnen Handlungsleitfäden vermittelt werden, um Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen zu erkennen und im Sinne des Opferschutzes weitere Schritte zu setzen.
Inhalt: Hintergründe von Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen, Grundlagen (Gewaltformen, Auswirkungen, Gewaltkreislauf), Beziehungsarbeit mit betroffenen Jugendlichen mit Fokus auf den Gewaltaspekt
Mag.ª Christina Riezler, BA
WS 6 – KI und Kinderschutz: Chancen, Risiken, Verantwortung
Künstliche Intelligenz ist längst Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen – oft schneller und umfassender, als es im professionellen Kontext wahrgenommen wird. Der Workshop gibt einen Überblick darüber, wie KI aktuell genutzt wird, welche Entwicklungen besonders relevant sind und wo sich daraus konkrete Herausforderungen für den Kinderschutz ergeben. Ein Schwerpunkt liegt auf Risiken, die in der Praxis oft noch wenig sichtbar sind. Dazu zählen unter anderem der Umgang mit KI-generierten Bildern, das Hochladen persönlicher oder fremder Inhalte sowie neue Formen von Grenzverletzungen und Missbrauch im digitalen Raum. Ebenso wird thematisiert, wie KI-Systeme emotional genutzt werden (z. B. als Gesprächspartner) und welche Auswirkungen das auf Entwicklung, Beziehungsgestaltung und psychische Stabilität haben kann. Neben einer Einführung in die Funktionsweise aktueller KI-Systeme geht es vor allem um die Frage, was Fachpersonen heute wissen müssen, um angemessen reagieren zu können. Der Workshop ist als Mischung aus Input und interaktiven Elementen konzipiert. Eigene Fallbeispiele können eingebracht und gemeinsam reflektiert werden. Ziel ist es, Unsicherheiten zu reduzieren, zentrale Risiken besser einschätzen zu können und konkrete Ansatzpunkte für die eigene Praxis mitzunehmen.
Priv.-Doz. Dr. Dr. Paolo Raile MSc
WS 7 – Ressourcen zur Stressbewältigung und zur Stabilisierung des Nervensystems
Warum reden manchmal nicht reicht, wie wir unsere Klient*innen auf anderen Kanälen als der Sprache erreichen, das autonome Nervensystem, die Polyvagaltheorie und zahlreiche Anwendungen sowie neuere Entwicklungen in der Hirnforschung über das Verkörpern von Emotionen bilden die Schwerpunkte. Dabei lernen und erfahren Sie wirksame Interventionen für den Alltag, besonders bei der Arbeit mit herausfordernden Situationen. Das Ziel ist Menschen in helfenden Berufen ein Handwerkszeug zu geben, das sie mit in den Alltag nehmen können und somit ihr Nervensystem stabil und resilient zu halten- durch Selbstfürsorge, Selbst- und Co- Regulation und körperorientierte Interventionen und Übungen.
Mag.ª Barbara Fereberger
Fortbildungsanerkennung
Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen (7 FEH)
Anmeldung
bis spätestens 12.10.2026
Stornobedingungen
Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der möwe Akademie. Soweit nicht anders angegeben, können gebuchte Veranstaltungen bis zu 14 Tage vor Veranstaltungsbeginn kostenfrei storniert werden. Bei einer Stornierung bis drei Tage vor Veranstaltungsbeginn wird eine Stornogebühr von 50% der Kurskosten verrechnet, bei späteren Stornierungen bzw. Nichterscheinen werden die vollen Kosten in Rechnung gestellt. Die Stornierungsbedingungen gelten unabhängig vom Grund der Stornierung bzw. des Nichterscheinens. Die Stornogebühr entfällt, wenn Sie eine/einen Ersatzteilnehmer*in nominieren.